Menschenhandel

Die meisten Betroffenen von Menschenhandel, welche in der Schweiz ausgebeutet werden, kommen ursprünglich aus einem anderen Land. Am Anfang steht meistens der Wunsch das eigene Leben oder das der Familie zu verbessern. Sie entschliessen sich zu migrieren, weil ihnen eine Arbeitsmöglichkeit versprochen wurde. Hier angekommen stellt sich heraus, dass es eine falsche Versprechung war oder sie über die Arbeitsbedingungen getäuscht wurden. Sie werden mit Drohungen, mit Gewalt oder wegen angeblicher Schulden gezwungen zu arbeiten und in dieser Zwangslage ausgebeutet.

Menschenhandel kommt in der Schweiz besonders in prekäre Arbeitssektoren vor, wie in der Sexarbeit, in Privathaushalten, in der Landwirtschaft, im Bau- oder Gastgewerbe. Für die Betroffenen ist es aufgrund der individuellen Zwangssituation, aber auch aufgrund ihrer rechtlich prekären Lage, sehr schwierig sich zu wehren und Unterstützung zu bekommen. Nur wenige getrauen sich gegen die Täterschaft auszusagen, darum gibt es auch nur sehr wenige Verurteilungen.

Der Begriff Menschenhandel steht für eine komplexe Problematik. Es handelt sich um eine extreme Ausbeutungsform, welche im Kontext der weltweiten Armut, restriktiven Migrationsregimes, wirtschaftlichen Krisen und Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht, Ethnie, geschlechtlicher Identität oder sexueller Orientierung analysiert und verstanden werden muss.

1.

Was ist die Definition von Menschenhandel?

Menschenhandel ist eine schwere Menschenrechtsverletzung und eine Straftat.

 

Nach der international gültigen Definition hat Menschenhandel drei Merkmale:

  • Aktion = der Handel (Rekrutierung, Transport, Transfer, Beherbergung, Annahme von Menschen)
  • Anwendung unerlaubter Mittel (Gewalt, Täuschung, Drohung, Ausnutzung von Hilflosigkeit, Zwang)
  • Zweck (sexuelle Ausbeutung, Ausbeutung der Arbeitskraft oder Entnahme von Körperorganen).

 

Diese Definition wurde in internationalen Abkommen festgelegt (Palermo-ProtokollKonvention gegen Menschenhandel des Europarats).

 

Die Schweiz  hat diese Abkommen unterzeichnet und diese Definition von Menschenhandel in die nationale Gesetzgebung übernommen (StGb § 182).  Die europäische Konvention gegen Menschenhandel enthält noch viele weitere Verpflichtungen, welchen die Schweiz nachkommen muss – insbesondere in Bezug auf den Schutz und die Unterstützung der Opfer.

2.

Wie viele Betroffene von Menschenhandel gibt es?

Zahlen zu Opfer von Menschenhandel sind schwierig genau zu bestimmen. Menschenhandel findet im Verborgenen statt. Daher gibt es nur grobe Schätzungen zum Ausmass dieser Menschenrechtsverletzung.

 

Laut der Internationalen Arbeitsorganisation ILO werden weltweit rund 25 Millionen Menschen jedes Jahr Opfer von Zwangsarbeit und Menschenhandel.

 

Die vier NGOs der Schweizer Plattform gegen Menschenhandel haben zusammen im Jahr 2019 über 400 Betroffene von Menschenhandel beraten. Die meisten Personen wurden in den Kantonen Zürich, Genf, Waadt, Solothurn und Bern ausgebeutet. Am häufigsten stammten die Personen aus den Ländern Nigeria, Thailand, Rumänien und Ungarn.

 

Im Vergleich dazu sind die Zahlen der Verurteilungen tief: 2019 gab es nur 7 Verurteilungen wegen Menschenhandel in der Schweiz.

3.

Wie erkenne ich eine von Menschenhandel betroffene Person?

Betroffene von Menschenhandel sind in den seltensten Fällen eingesperrt. Sie kommen immer wieder mit Menschen in Kontakt, die sie als Betroffene von Menschenhandel erkennen könnten: an der Grenze, bei der Botschaft, in Krankenhäusern, in den Räumlichkeiten von Sozialdiensten, in Wohnungen, in verschiedenen Unterbringungseinrichtungen, auf der Strasse, an Informations- und Registrierungsschaltern, im Unterhaltungssektor und an verschiedenen Arbeitsplätzen.

 

Folgende Hinweise können ein Indiz sein, dass es sich um eine von Menschenhandel betroffene Person handelt:

  • Die Person erzählt von übermässigen Schulden, die nicht abnehmen, von Aufgaben, die sie nicht mehr erfüllen will, von Täuschungen, Demütigungen oder Erpressung gegen sich oder ihre Kinder.
  • Die Person scheint unter Zwang zu stehen (auch wenn es unklar ist, woher der kommt).
  • Es gibt Hinweise auf physische Gewalt, Vergewaltigung oder Freiheitsberaubung.

 

Das Fedpol hat eine ausführliche Indikatorenliste zur Erkennung von Opfern von Menschenhandel zusammengestellt.

 

WICHTIG:
Betroffene Personen bezeichnen sich selber kaum je als Opfer von Menschenhandel und melden sich daher nicht von alleine bei der Polizei oder Beratungsstellen. Sie haben ein grosses Misstrauen gegenüber Behörden, vor allem gegenüber der Polizei, da sie oftmals nur einen unsicheren Aufenthaltsstatus haben und über kein Wissen zu den eigenen Rechten verfügen. Oftmals schürt die Täterschaft diese Angst bewusst, in dem sie behaupten, sie hätten gute Beziehungen zur Polizei, oder falsche Tatsachen zur gesetzlichen Lage (bspw. bezüglich der Sexarbeit) erzählen.

4.

Wie kann ich einer Betroffenen von Menschenhandel helfen?

Wenn Sie in Kontakt sind mit einer Person, die möglicherweise ein Opfer von Menschenhandel ist, beachten Sie folgende Punkte :

 

Sobald ein Verdacht auf Menschenhandel besteht, sollten unbedingt Expert*innen, wie eine der vier spezialisierten Opferberatungsstellen kontaktiert und einbezogen werden. Menschenhandel ist sehr komplex und nicht leicht zu erkennen. Dafür braucht es Zeit, Vertrauen und spezialisiertes Wissen.

 

Agieren Sie nicht über den Kopf der/des Betroffenen hinweg: Abklärungen können anonym gemacht werden, für eine Weiterleitung an spezialisierte Opferberatungsstellen braucht es aber die Einwilligung der betroffenen Person.

 

WICHTIG:
Mögliche Opfer dieses Verbrechens nicht stereotypisieren! Stereotype Bilder, wie ein Opfer aussieht oder sich verhält, hindern uns möglicherweise daran, die Vulnerabilität einer Person zu erkennen, die nicht als Teil einer besonderen Risikogruppe gesehen wird.