Bundesrat Beat Jans trifft Mitglieder der Plateforme Traite
Das jährliche Treffen zwischen dem Vorsteher des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements, Beat Jans, und der Schweizer Plattform gegen Menschenhandel, fand am Dienstag, 21. April 2026, bei der FIZ Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration statt. Bei dieser Gelegenheit besuchte der Bundesrat eine spezialisierte Unterkunft für Betroffene von Menschenhandel und tauschte sich mit den Mitgliedsorganisationen der Plateforme Traite aus. Zudem traf er Anna*, eine Klientin der FIZ. Annas Geschichte verdeutlicht die entscheidende Bedeutung des Zugangs zu spezialisierter Unterstützung für Opfer von Menschenhandel.

Anna* wurde in der Schweiz Opfer von Menschenhandel. Nach mehreren Jahren der sexuellen Ausbeutung floh sie aus dieser Situation und landete auf der Strasse, wo sie von Sozialarbeiter:innen angesprochen wurde. Gemeinsam suchten sie die Polizei auf, die sie anschliessend an die FIZ weitervermittelte. Dank der spezialisierten Opferschutzorganisation fand Anna Zuflucht in einer geschützten Unterkunft und erhielt psycho-soziale Beratung und Betreuung gemäss Opferhilfegesetz (OHG) sowie entsprechend der Europaratskonvention zur Bekämpfung von Menschenhandel (ÜBM). Anna entschied sich, Anzeige gegen die Täterschaft zu erstatten und nimmt inzwischen aktiv an einem Strafverfahren teil. Zudem kann sie sich zusehends stabilisieren und bekommt spezialisierte Unterstützung, beispielsweise im Aufgleisen eines Deutschkurses. Die Mitglieder der Plateforme Traite berichten jährlich von zahlreichen ähnlichen Fällen. Doch was wäre passiert, wenn Anna in einem anderen Kanton ausgebeutet worden und nicht mit einer spezialisierten Opferschutzorganisation in Kontakt gekommen wäre?
Weiterhin Lücken bei der Unterstützung von Opfern von Menschenhandel
Einige Kantone gehen heute noch davon aus, von diesem Phänomen verschont zu bleiben. «Menschenhandel und Ausbeutung kennen jedoch keine Grenzen, und die den Behörden gemeldeten Fälle spiegeln die Realität nur teilweise wider», betont Monica Marcionetti von MayDay. Hätte Anna in einem der vielen Kantone ohne Schutzmechanismen Hilfe gesucht, wäre sie vermutlich nicht als Opfer von Menschenhandel identifiziert worden. Ohne spezialisierte Unterstützung, geschützte Unterbringung und bedarfsgerechte Betreuung wäre das Risiko hoch gewesen, erneut Opfer von Ausbeutung zu werden. Ausserdem wäre es ohne ihre Aussage und ihre Anwesenheit während des Strafverfahrens wahrscheinlich nicht möglich gewesen, Strafverfolgungsmassnahmen gegen die Täterschaft einzuleiten.
Der Mangel an Sensibilisierung und Ausbildung bei den Erstkontaktstellen sowie das Fehlen effektiver Zuweisungsmechanismen führen heute dazu, dass diese oft komplexen Situationen in einigen Kantonen nicht erkannt werden. In den Kantonen, in denen spezialisierte Organisationen oder Kooperationsvereinbarungen existieren, funktionieren der Opferschutz und die Strafverfolgung, auch wenn es Verbesserungsbedarf gibt. Diese Feststellungen wurden in den Studien von ASTRÉE für die Westschweiz und von der FIZ für die Deutschschweiz dokumentiert.
Nina Lanzi von der FIZ stellt fest: «Basierend auf den Erfahrungen aus unserem Arbeitsalltag sind wir überzeugt, dass die frühzeitige Einbindung spezialisierter Organisationen bei der Identifikation und Betreuung potenzieller Opfer sowohl einen effektiven Opferschutz als auch eine effiziente Strafverfolgung der Täterschaft ermöglicht.»
Empfehlungen der Plateforme Traite
Die Plateforme Traite hat dem Bundesrat Beat Jans heute ihre Empfehlungen vorgestellt, um sicherzustellen, dass Anna und alle Opfer von Menschenhandel in der Schweiz angemessene Unterstützung erhalten – unabhängig davon, in welchem Kanton sie ausgebeutet wurden.
Zu diesem Zweck und wie im Nationalen Aktionsplans zur Bekämpfung von Menschenhandel 2023–2027 vorgesehen, fordert die Plateforme Traite den Bundesrat auf, die nationalen Koordinationsbemühungen zu verstärken, die es den Kantonen ermöglichen, spezialisierte Beratungsangebote und sichere Unterkünfte für Opfer von Menschenhandel einzurichten. «Die Einführung solcher Mechanismen würde es ermöglichen, die Empfehlungen der dritten Evaluationsrunde der Expertengruppe des Europarats zur Bekämpfung des Menschenhandels GRETA umzusetzen», erklärt Angela Oriti von ASTRÉE.
In diesem Zusammenhang fordert die Plateforme Traite den Bundesrat sowie die Kantone auf, sicherzustellen, dass ausreichende finanzielle Mittel für die Schaffung neuer Angebote sowie die Stärkung bestehender interdisziplinärer Strukturen und Kooperationen bereitgestellt werden. Diese Massnahmen würden eine Harmonisierung der kantonalen Praxis ermöglichen und eine wirksame sowie bedarfsgerechte Unterstützung der Opfer sicherstellen.
Erfreut über geplante Revision des Artikels 182 StGB zu Menschenhandel
Bundesrat Beat Jans hat am heutigen Treffen über die geplante Revision des Straftatbestands Menschenhandel im Schweizerischen Strafgesetzbuch informiert. Die Plateforme Traite begrüsst, dass der Bundesrat den Handlungsbedarf in diesem Bereich anerkennt: Seit der Einführung von Artikel 182 im Jahr 2006 sind im Durchschnitt jährlich nur zehn Urteile zu Menschenhandel rechtskräftig geworden. Die tiefen Zahlen zu Urteilen wegen Menschenhandel zeigen auf, dass viele Betroffene keine Gerechtigkeit erfahren, ihre Rechte nicht wahrnehmen können und die Täterschaft unbestraft bleibt.
Leila Boussemacer (CSP Genève) betont: «Jede Massnahme, die eine Verbesserung der Strafverfolgung ermöglicht, ist zu begrüssen; jedoch muss der Schutz der Opfer stets gewährleistet sein.»
*Name geändert / anonymisierter Fall
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